Agentic Commerce verwandelt den E-Commerce in gleicher Weise, wie er einst den stationären Handel verwandelte. Es handelt sich um eine tiefgreifende Veränderung der Funktionsweise des digitalen Einzelhandels und des Kaufverhaltens von Kund:innen.
Hierbei beginnen KI-Agenten, im Namen der Kundschaft Produkte zu suchen, zu vergleichen, zu verhandeln und einzukaufen. Dies macht den Einzelhandel abhängig von neuen technologischen Standards, die die Kommunikation zwischen unterschiedlichen Ökosystemen und KI-Agenten erst möglich machen, Kund:innen zu authentifizieren und Transaktionen sicher abzuwickeln.
Vier Protokolle stehen im Zentrum dieses Wandels: das Agentic Commerce Protocol (ACP), das Agent-to-Agent Protocol (A2A), das Agent Payments Protocol (AP2) und das Model Context Protocol (MCP). Zusammen bilden sie die Infrastruktur für autonomes Shopping im großen Maßstab.
Entscheidend ist die Frage: Wie bereitet sich der Handel auf eine Welt vor, in der die frühzeitige Implementierung einer Technologie darüber entscheidet, ob die Kundschaft Angebote findet oder schlichtweg ignoriert?
Warum Protokolle entscheidend sind
Statt eines langen technischen Exkurses beschreibt eine Metapher eindrücklicher die Bedeutung der entstehenden E-Commerce Landschaft:
In einem Stadtviertel bemerkt ein lokaler Einzelhändler ein riesiges Bauprojekt direkt neben seinem Geschäft. Das Fundament ist gegossen, das Stahlgerüst wächst in die Höhe, und es ist offensichtlich, dass dort ein Wolkenkratzer entsteht, der das gesamte Stadtbild verändern wird.
Der Händler im benachbarten Viertel bekommt davon nichts mit. In seiner Seitenstraße ist es ruhig und nichts scheint sich zu verändern. Er macht weiter wie bisher.
Eines dieser Geschäfte erkennt, dass eine große Veränderung bevorsteht. Das Andere wird völlig unvorbereitet von der Entwicklung überrollt werden. Nun steht der erste Händler vor der Wahl, sich entweder für eine Welt weiterzuentwickeln, die gerade neu gebaut wird, oder davon auszugehen, dass der Wandel ihn auf magische Art und Weise nicht betreffen wird.
Model Context Protocol: Die Daten- und Aktionsebene
Das Model Context Protocol standardisiert die Verbindung von KI-Agenten zu Tools, APIs und Transaktionssystemen. Anstelle einmaliger Prompts oder instabiler Integrationen schafft MCP eine dauerhafte Ebene. Diese ermöglicht es KI-Agenten, Kundenziele zu verstehen, Aufgaben zu koordinieren und strukturierte Signale über verschiedene Systeme hinweg zu übertragen.
Für Handelsunternehmen ist MCP die neue Basis für „Agent-Readiness“. Produktdaten, Kataloge, Treueprogramme, Logik für die Auftragsabwicklung und Service-Workflows müssen in strukturierter, maschinenlesbarer Form verfügbar sein. Ohne diese Grundlage können KI-Agenten keine Informationen abrufen, Transaktionen nicht abschließen und der Kundschaft nicht zuverlässig helfen.
Zudem verhindert MCP den sogenannten ‚Vendor Lock-in‘, indem die Interoperabilität zwischen unterschiedlichen KI-Agenten, Plattformen und Modellen gewährleistetwird.
Das A2A-Protokoll: Die Kommunikations- und Verhandlungsebene
Das Agent-to-Agent-Protokoll (A2A) definiert eine sichere, gemeinsame Sprache, über die autonome Agenten kommunizieren, Kontext teilen und Aufgaben koordinieren. Individuelle Integrationen für jede einzelne Verbindung gehören damit der Vergangenheit an.
Man stelle sich ein Team vor, in dem jedes Mitglied eine andere Sprache spricht und dann eines, in dem alle dieselbe Sprache beherrschen. Das ist der entscheidende Unterschied. A2A ermöglicht es dem persönlichen KI-Agenten einer Person, mit dem Commerce-Agenten eines Händlers zu sprechen, Präferenzen auszutauschen (mit entsprechender Erlaubnis), Empfehlungen zu verfeinern und den Kauf abzuwickeln.
Zudem werden händlerübergreifende Angebote unterstützt, die Beschaffung von Nachlieferungen und die Eskalation im Kundenservice – ohne dass sich die Nutzerschaft durch endlose Filterseiten klicken muss.
Bisher gab es im Handel keine derartigen Standardprotokolle. A2A ändert die Erwartungshaltung. Zunehmend wird die aktivste Kundengruppe keine Person mehr sein, sondern ein Agent. Und dieser Agent erwartet saubere Daten, geringe Latenzzeiten und ein vorhersehbares Systemverhalten.
AP2-Protokoll: Die Vertrauens- und Zahlungsebene
Nach der Kommunikation und Koordination von KI-Agenten, stellt die Abwicklung von Zahlungen die nächste Hürde dar.
Googles Agent Payments Protocol (AP2) führt ein kryptografisch verifizierbares System zur Autorisierung von Käufen ein, mit dem Ausgabenlimits festgelegt und Betrugsfälle reduziert werden können. Es ersetzt den traditionellen Checkout durch digitale Mandate, die Kaufabsicht, Warenkorbdetails und Zahlungsdaten miteinander verknüpft.
AP2 ist kein geringfügiges Upgrade, sondern ein völlig neues Zahlungssystem. Die Betrugserkennung verlagert sich von bloßen Vermutungen hin zur echten Verifizierung. Für den Handel bedeutet dies weniger Zahlungsstreitigkeiten und eine klarere Verantwortlichkeit, wenn KI-Agenten involviert sind.
Das Agentic Commerce Protocol (ACP)
Das Agentic Commerce Protocol (ACP) steht über all den anderen Standards und verknüpft das gesamte Ökosystem. Es legt fest, wie KI-Agenten Händler finden, strukturierte Produktdaten austauschen, Bedingungen verifizieren und Käufe einleiten. Das ACP erstellt eine übergreifende Landkarte der Shoppinglandschaft, sodass KI-Agenten nicht individuelle Logik auf jeden einzelnen Einzelhändler anwenden müssen.
Für Marken bedeutet dies, dass der eigene Shop für jeden konformen KI-Agenten auffindbar und navigierbar wird – nicht nur für diejenigen, für die eine gezielte Integration besteht.
Das ACP ist das Mittel, um in einer von KI-Agenten gesteuerten E-Commerce-Welt überhaupt sichtbar zu sein.
Warum der Handel jetzt mitziehen muss
Große Plattformen befinden sich bereits im Roll-Out. Perplexity, ChatGPT, Google, Shopify, Stripe, PayPal und Mastercard ermöglichen bereits agentengesteuertes Shoppen und Checkouts innerhalb von chatbasierten Benutzeroberflächen und überspringen dabei traditionelle Abläufe auf Websites komplett.
E-Commerce-Anbieter, die zögern, riskieren Folgendes:
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Unsichtbarkeit für KI-Agenten: Wenn Daten nicht „MCP-ready“ sind, erfolgt keine Discovery.
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Verlust der Kontrolle über den Checkout: AP2 wird Transaktionen über Agent-native Pfade leiten.
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Den Anschluss an Kundenbedürfnisse verlieren: A2A wird zur Standarderwartung der Kundschaft.
Sobald sich Kund:innen an diese Standards gewöhnt haben, gibt es kein Zurück mehr. Die Umstellung wird deutlich schneller gehen als bei früheren technischen Trends. Der Grund: KI-Agenten nutzen die bereits vorhandene Internet-Infrastruktur und verbreiten sich dort in einem Tempo, das jede bisherige manuelle Anpassung in den Schatten stellt.
Die nächsten Schritte für den Handel
Ein kompletter Umbau der bestehenden Systeme ist nicht erforderlich. Es geht ausschließlich darum, die bestehenden Systeme anschlussfähig zu machen.
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Modernisierung von APIs: Anpassung an MCP-Standards für Produkte, Inventar, Preise, Rabattaktionen und Service-Funktionen.
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Präsenz im KI-Ökosystem: Bestehende oder geplante KI-Agenten können als einfacher erster Schritt innerhalb des ChatGPT-Umfelds verfügbar gemacht werden.
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Einführung von A2A- und AP2-Support: Dies ermöglicht eine reibungslose Kommunikation zwischen Händler und Kundschaft sowie verifizierte, durch KI-Agenten gesteuerte Bezahlvorgänge.
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Optimierung von Datenqualität und Metadaten: Da KI-Agenten auf Struktur und Präzision angewiesen sind, ist eine saubere Datenbasis unerlässlich.
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Frühzeitige Praxistests: Ein früher Blick auf die Darstellung der eigenen Marke in KI-Umgebungen hilft, die Sichtbarkeit von Anfang an zu optimieren.
Agentic Commerce benötigt ein neues technisches Fundament. MCP, A2A und AP2 liefern die nötigen Bausteine dafür. Unternehmen, die jetzt die Weichen stellen, reduzieren Hürden im Kaufprozess, sichern ihre Sichtbarkeit und bleiben wettbewerbsfähig, insbesondere in einer Zeit, in der immer mehr Kaufentscheidungen von Menschen an KI-Agenten delegiert werden.